Meine getreuen Gefolgsleute, vor langer Zeit
entschlossen wir uns, weder den Römern noch sonst
jemandem außer Gott zu dienen, der allein der wahre und
gerechte Herr der Menschen ist; jetzt ist die Zeit
gekommen, unsere Entschlossenheit durch unsere Taten zu
beweisen. In solcher Zeit dürfen wir uns nicht selber
entehren: Bis zu diesem Augenblick haben wir uns niemals
der Sklaverei unterworfen, auch wenn sie mit keiner
Gefahr verbunden war. Wir dürfen die Sklaverei auch
jetzt nicht wählen, und mit ihr Strafen, die, wenn wir
in die Hände der Römer fallen, das Ende von allem
bedeuten werden. Denn wir hatten uns als erste von allen
erhoben, und werden die letzten sein, die den Kampf
beenden. Und ich meine, es ist Gott, der uns dieses
Vorrecht gibt, edel und als freie Menschen sterben zu können,
und nicht wie die anderen, die unerwartet geschlagen
wurden. In unserem Fall ist es klar, daß mit dem
Morgengrauen unserer Widerstand enden wird, aber wir sind
frei, mit unseren geliebten Angehörigen einen
ehrenvollen Tod zu wählen. Das können unsere Feine
nicht verhindern, wie inbrünstig sie auch beten mögen,
uns lebend zu bekommen; denn im Kampf können wir sie
nicht schlagen.
Laßt unsere Frauen ungeschändet, unsere
Kinder ohne die Erfahrung der Sklaverei sterben. Danach
laßt uns gegenseitig ohne Murren einen Liebesdienst
erweisen, der unsere Freiheit als ruhmvolles Leichentuch
bewahrt. Aber zunächst laßt unseren Besitz und die
ganze Festung in Flammen aufgehen. Es wird, wie ich weiß,
ein harter Schlag für die Römer sein, unser Leben außerhalb
ihrer Reichweite und nichts mehr für sie zum Plündern
zu finden. Nur eines laßt uns aussparen - unser Lager an
Nahrungsmitteln. Es wird, wenn wir tot sind, Zeugnis
davon ablegen, daß wir nicht umkamen, weil wir Mangel
litten, sondern weil wir von Anfang an entschlossen
waren, lieber den Tod als die Sklaverei zu wählen.
Daß wir nur alle gestorben wären, ehe wir die Heilige
Stadt durch Feindeshand so vollkommen zerstört, das
Heiligtum so frevelhaft geschändet sahen! Aber da uns
ein ehrenwertes Streben zu der Ansicht verleitete, es könnte
uns vielleicht gelingen, sie an ihren Feinden zu rächen,
und da nun alle Hoffnung dahin ist, wir unserem Schicksal
überlassen sind, so laßt uns sogleich den Tod in Ehren
wählen und uns, unseren Frauen und Kindern den besten
Dienst erweisen, so lange es noch möglich ist, irgend
etwas für uns zu tun. Schließlich wurden wir alle
geboren, um zu sterben, wir und all jene, die wir in
diese Welt gesetzt haben: Dies muß sogar der Glücklichste
gegenwärtigen. Aber Mißhandlung, Sklaverei sowie der
Anblick unserer Grauen, die mit unseren Kindern in die
Schande fortgeführt werden - das sind keine Übel, denen
der Mensch aufgrund von Naturgesetzen unterworfen ist:
Die Menschen erleiden sie aufgrund ihrer eigenen
Feigheit, wenn sie eine Gelegenheit haben, ihnen durch
den Tod zuvorzukommen und diese Gelegenheit nicht nutzen
wollen. Wir sind sehr stolz auf unseren Mut, deshalb
erhoben wir uns gegen Rom. Zum Schluß haben sie uns noch
angeboten, unser Leben zu schonen, aber wir haben dieses
Angebot abgelehnt. Ist irgendjemand zu blind, um zu
erkennen, wie schrecklich sie sein werden, wenn sie uns
lebend bekommen? Habt Mitleid mit den Jungen, deren Körper
stark genung sind, um längere Foltern zu überleben;
habt Mitleid mit den Nicht-so-jungen, deren ältere
Konstitution unter einem solchen Mißbrauch
zusammenbrechen würde. Ein Mann müßte zusehen, wie
seine Frau mit Gewalt fortgeschleppt wird; er würde die
Stimme seines Kindes "Vater" rufen hören, während
ihm die eigenen Hände gefesselt werden. Kommt, solange
unsere Hände frei sind und ein Schwert halten können,
laßt sie ein edles Werk verrichten! Laß uns sterben,
ohne von unseren Feinden versklavt worden zu sein, und
diese Welt alt als freie Menschen zusammen mit unseren
Frauen und Kindern verlassen." (Josephus Flavius,
Der jüdische Krieg) |