Der Besuch von Frau Golan in der Sophienschule

Ester Golan

Geschichte einmal anders


Am 3.11.1999 fanden sich die zehnten und elften Klassen in der 5. und 6. Stunde in der Aula ein, um sich den Vortrag der Jüdin Esther Golan über ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus anzuhören.

Die Erwartungen waren unterschiedlich. Einige freuten sich über zwei "Freistunden", andere waren daran interessiert, durch ein direktes Gespräch mit einer Betroffenen mehr über das Leben im Dritten Reich und die Judenverfolgung zu erfahren, als man es durch Schulbücher vermittelt bekommt.

Sie berichtete über ihre Kindheit in Oberschlesien und Berlin, ihre Emigration mit 15 Jahren nach England und ihre spätere Einwanderung nach Israel.

Besonders beeindruckend war ein Auszug, den sie aus einem Brief ihrer Mutter vorgelesen hat. Alle Briefe ihrer Familie und ihre Lebensgeschichte hat sie in ihrem Buch "Auf Wiedersehen in unserem Land" veröffentlicht.

Ihre beiden Geschwister hat sie in England beziehungsweise Israel wiedergetroffen, ihre Eltern hingegen kamen in Auschwitz und Theresienstadt um, da es für sie keine Möglichkeit gab, Deutschland rechtzeitig zu verlassen.

Lange Zeit schaffte Frau Golan es nicht, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander-zusetzen und verdrängte sie. Erst mit Hilfe eines Studiums, das sie erst mit über 50 Jahren begann, gelang es ihr, einen Teil der Geschehnisse aufzuarbeiten. Sie beschloss, andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Aber auch heute mag sie ihre Gefühle bei einem Vortrag über ihre Vergangenheit nicht zeigen, sondern berichtet eher sachlich. Für einige, die sich einen emotionaleren Bericht erhofft hatten, war dies ein Kritikpunkt.

Allerdings stellt sich die Frage, ob man von einem Menschen, der soviel durchgemacht hat, verlangen kann, bei jedem öffentlichen Gespräch seine Gefühle zur Schau zu stellen und somit das Geschehene noch einmal zu durchleben.

Mittlerweile hat Frau Golan schon Enkel- und Urenkelkinder, denen sie bereitwillig von ihrer Vergangenheit erzählt.

Trotz ihrer Verluste verspürt sie keinerlei Hass auf die Deutschen, sondern versucht deutschen Schülern auf ihre Weise ihren Standpunkt und ihre Erlebnisse nahe zu bringen.

Durch diesen Vortrag wurde vielen die Problematik der Menschen im Dritten Reich und des Sprechens darüber deutlich. Auch über die jüdische Kultur und die Lebensweise der Juden hat man einiges erfahren.

Und für die Schüler, die noch mehr an dem Leben und der Kultur der Juden interessiert sind, wird der Israel-Austausch sicher ein unvergessliches Erlebnis werden.

jg, cs, lk im "Götterboten"


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